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Insekten-Brutpflege – Wanzen als fürsorgliche Eltern


Den Insekten scheint die Evolution das Rechnen beigebracht zu haben. Sie kalkulieren instinktiv, wann es lohnt, sich um den eigenen Nachwuchs zu kümmern. Bei positiver Bilanz schützen viele Arten ihren Nachwuchs – sogar unter eigener Lebensgefahr. Manche Wanzen, Käfer oder Schrecken stellen sich einem Bruträuber entgegen, andere versammeln die Jungen unter sich wie unter einem Schild, den sie immer direkt gegen den Feind wenden. Wieder andere leiten die bedrohten Larven zu einem Versteck, und einige schleppen gar die Brut beständig mit sich herum.

Daß Insektenarten, die sonst keine sozialen Neigungen haben, Brutpflege betreiben, ist erstaunlich genug. Erst in den letzten Jahrzehnten konnten die Wissenschaftler beweisen, daß dergleichen überhaupt vorkommt, und solches Verhalten theoretisch begründen. Nämlich nur in extremen Umwelten, bei hart umkämpften Ressourcen, zahlt sich für die Kerbtiere ein elterlicher Einsatz in der Währung der Evolution aus: der Fitness, also der Zahl erwachsener Nachkommen.

Doch soviel Aufwand betreiben InsekteneItern nur, wenn dank ihrer Fürsorge mehr Junge groß werden als ohne Brutpflege. Der Einsatz kann sich bei Nahrungsmangel oder zum Beispiel bei einer sehr kurzen Fortpflanzungsfrist lohnen, aber auch, wenn die Mutter schon alt ist und nicht mehr viele weitere Eier legen kann. Männchen kalkulieren dabei offenbar schärfer als Weibchen. Zumindest kümmert sich bei den meisten Arten die Mutter um den Nachwuchs.

Einige besonders spektakuläre Fälle von Insekten-Brutpflege schildert der Entomologe Douglas W. Tallamy von der Universität von Delaware in Newark in der Aprilausgabe von “Spektrum der Wissenschaft”. Ihm haben es insbesondere die Wanzen angetan, eine sehr artenreiche und vielfältige Insektengruppe.

Tallamy hat zum Beispiel auf Nesseln lebende GitterwanzenMütter beobachtet, die räuberische Sichelwanzen angriffen. Dadurch blieb den Larven Zeit, rasch fortzukrabbeln und sich zu verstecken. Nicht selten büßte die Mutter dies mit dem Leben. Der amerikanische Insektenforscher konnte auch beobachten, wie Erdwanzen ihren Jungen Futter herbeischleppten und wie andere Wanzenarten ihre Kinder mit einem vorgekauten Brei fütterten.

Wie so oft im Tierreich machen die Insekten-Väter sich meist frühzeitig bald nach der Kopulation aus dem Staub. Wenn sie jedoch Vaterpflichten übernehmen, haben sie oft reichlich zu tun. Die Weibchen einer amerikanischen Riesenwasserwanze beispielsweise kleben dem Vater die Eier auf den Rücken. Fortan muß dieser damit alle paar Minuten unter Wasser tauchen, um das Gelege anzufeuchten, nur um sogleich wieder herauszuklettern, damit die Eier Sauerstoff erhalten. Die Männchen anderer Arten erledigen das gleiche Geschäft mit Klimmzügen an einem Pflanzenstengel, der dicht über dem Wasser steht.

Offenbar wählen die Weibchen mancher Insektenarten ihre Geschlechtspartner sogar danach aus, ob sie gute Väter abgeben. Bestimmte Mordwanzen-Männchen etwa nutzen dies aus: Sie geben vor den Weibchen mit einem erkämpften Gelege an. Die Weibchen fallen auf diese Balzshow herein: Männchen ohne Gelege sind beim anderen Geschlecht wenig attraktiv.

Eine Information von “Spektrum der Wissenschaft”

Von Bernhard Rais, 4. Februar 1999;
Kategorie: Sonstige Meldungen
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