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Neue Musiktherapie gegen das ständige Pfeifen im Ohr – Heidelberger Forscher entwickelten Behandlungsmethoden gegen Tinnitus


Ein ständiges Rauschen, Piepsen oder Pfeifen im Ohr – viele Menschen haben das schon einmal erlebt. Für manche ist ein solcher Tinnitus, wenn er wieder und wieder auftritt, stark belastend. Chronischer Tinnitus zählt mit derzeit mehr als einer Million potenziellen behandlungsbedürftigen Patienten in Deutschland zu den häufigsten Erkrankungen im Hals-Nasen-Ohren-Bereich. Eine neue Form der Musiktherapie könnte Tinnitus-Patienten von ihrem Leiden befreien. Das wiesen Forscher des Deutschen Zentrums für Musiktherapieforschung (DZM) in Heidelberg in einer Studie nach.

Die Ursachen für einen Tinnitus sind vielfältig und schwer festzustellen und reichen von Lärmschäden, Hörsturz, Drehschwindel, Bluthochdruck bis zu Kieferproblemen, Fehlstellungen der Wirbelsäule oder Stress. Dabei ist chronischer Tinnitus keine Erkrankung des Ohrs, sondern tritt aufgrund einer fehlerhaften Informationserarbeitung im Gehirn auf. Die Folgen von chronischem Tinnitus: Schlaf- und Aufmerksamkeitsstörungen, Depressionen und Ängstlichkeit. Bislang kann man das Leiden durch verschiedene Therapieformen bestenfalls lindern, die neue Form der Musiktherapie verspricht jetzt nahezu Heilung. Denn nach Ende der Behandlung hatten rund 80 Prozent der 132 Studienteilnehmer weniger oder keine Ohrgeräusche mehr. Zudem waren die Behandlungserfolge sehr stabil, wie eine Nachuntersuchung sechs Monate später zeigte.

Bei der neuen Musiktherapie geht es nicht darum, den Tinnitus lediglich aus dem Bewusstsein zu drängen, die Aufmerksamkeit woanders hinzulenken, ihn zu überdecken oder akustisch zu fassen. „Es geht darum, den neuronalen Kreislauf, der den Tinnitus erzeugt, zu unterbrechen und in die ursprüngliche Form des Hörens, der Hörfähigkeit, zurückzukehren. Das heißt, dass in unserem Gehirn nur etwas wahrgenommen wird, was von außen über das Ohr auch an das Hirnsignal geleitet wird“, erklärt Prof. Dr. Hans Volker Bolay vom Deutschen Zentrum für Musiktherapieforschung (DZM) e. V. in Heidelberg. „Wir sind davon ausgegangen, dass der Tinnitus eine akustische Wahrnehmung ist, genauso wie Musik. Und da haben wir festgestellt, dass es tatsächlich eine Vielzahl von analogen Prozessabläufen im Gehirn gibt. So wie der Mensch hören lernt – auch Musik –, so kann er Tinnitus-Hören lernen oder er kann ihn ,verlernen’. Das war dann der erfolgreiche Griff, dass es uns gelungen ist, mit musikalisch-tonalen Trainingsübungen nicht vom Tinnitus abzulenken, wie es die meisten anderen Therapieformen machen, sondern gezielt die akustische Wahrnehmung des Hörens zu reorganisieren“, sagt Bolay.

Für die Studie hatten Patienten mit chronisch-tonalem Tinnitus (d. h. vorwiegend Pfeif- und Piepsgeräuschen) insgesamt zehn Behandlungseinheiten erhalten – entweder einmal pro Woche oder als Kompakttherapie innerhalb einer Woche mit zwei Sitzungen pro Werktag. Das Behandlungskonzept hat sowohl aktive als auch passive Anteile. Im aktiven Teil machten die Patienten unter anderem spezielle stimmliche Übungen mit Musiktherapeuten. Der passive Teil umfasste Therapieeinheiten, die auf eine Stressbewältigung, eine Verringerung psychischer Begleiterscheinungen sowie eine Verbesserung der Aufmerksamkeits- und Hörleistung abzielten. Ergebnis: Sowohl die Belastung durch den Tinnitus als auch die subjektive Wahrnehmung der Ohrgeräusche hatte sich bei rund 80 Prozent der Patienten deutlich gebessert. Auch Schlaf- und Konzentrationsschwierigkeiten sowie weitere Stress-Symptome hatten merklich abgenommen. Selbst ein halbes Jahr nach der musiktherapeutischen Behandlung hielt die Besserung an.

Darüber hinaus wiesen die Forscher die Wirkung des musiktherapeutischen Konzepts auch auf neurowissenschaftlicher Ebene nach. Gehirnaufnahmen mit einem Kernspintomographen deuten darauf hin, dass Tinnitus nicht ausschließlich das Ergebnis einer „veränderten Hörorganisation“, das heißt fehlerhaften Verarbeitung von Geräuschen im Gehirn, ist. Offenbar spielen komplexe Mechanismen eine Rolle, wobei auch Gehirnstrukturen, die nicht vorrangig für den Gehörsinn verantwortlich sind, sowie bestimmte Aufmerksamkeitsareale im Gehirn die Entstehung von Tinnitus mitbeeinflussen.

An der Studie beteiligt waren neben dem DZM auch die Musiktherapeutische Ambulanz der Fakultät für Musiktherapie der SRH Hochschule Heidelberg, die Hals-Nasen-Ohrenklinik der Universität Heidelberg und die Klinik für Diagnostische und Interventionelle Neuroradiologie der Universität Homburg. Die Forscher wollen nun in einer neuen Studie die einzelnen Wirkfaktoren der Musiktherapie auf chronische Ohrgeräusche genauer untersuchen.

Quellen: Musiktherapie bei chronisch-tonalem Tinnitus, Deutsches Zentrum für Musiktherapieforschung (DZM), Opens external link in new windowwww.dzm.fh-heidelberg.de/

„Tinnitus kann man verlernen“, ARD-Interview mit Prof. Dr. Hans Volker Bolay vom Deutschen Zentrum für Musiktherapieforschung DZM e. V. in Heidelberg, Opens external link in new windowwww.ard.de/kultur/wissen/

Von Stefan Schreinert/dgk, 20. November 2008; Quelle: dgk/Deutsches Grüne Kreuz
Kategorie: Gesundheit & Ernährung
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