Richtig ist, dass Europa seit 2002 poliofrei ist. Falsch ist, dass man deswegen nicht mehr zu impfen bräuchte. Denn schnell kann sich eine derart ansteckende Krankheit wieder ausbreiten, wenn der Impfschutz in der Bevölkerung nachlässt. Dies hat man vor Jahren gesehen, wo sich von Nigeria ausgehend die Kinderlähmung erneut ausbreitete. In Nigeria selbst waren die Impfraten in der Bevölkerung drastisch gesunken, aber die Viren konnten auch in Ländern, die schon seit Jahren poliofrei waren, wieder Fuß fassen. Das war etwa im Jemen oder auch in Indonesien der Fall.
Die Gefahr einer Wiedereinschleppung liegt auch bei uns nahe: 2008 unternahmen die Deutschen knapp 76 Millionen Auslandsreisen. Doch die hohe Mobilität ist nicht nur dem Austausch der Kulturen und Geschäftsbeziehungen förderlich, sondern eben auch der Verbreitung von Krankheitserregern.
Drei unterschiedliche Poliomyelitisviren gibt es, theoretisch kann jeder also drei Mal eine Kinderlähmung bekommen. Alle drei Viren zirkulieren mehr oder weniger stark in den Endemiegebieten Afrikas und Asiens. In Nigeria ist vorwiegend Typ 3 der Poliomyelitisviren für die Krankheitsfälle verantwortlich, aber auch Typ 1. In Indien ist die Situation ähnlich. Zwei Drittel der bisher in diesem Jahr registrierten 1.020 Erkrankungen wurden aus Nigeria und Indien gemeldet.
Tückisch ist, dass die typischen Krankheitszeichen nur bei jedem 100. bis 1000. Infizierten auftreten. Das bedeutet, die Zahl der möglichen Überträger ist um ein Vielfaches höher. Auch deshalb ist es auch in bereits poliofreien Ländern und Kontinenten (Europa, Nord- und Süd-Amerika, Australien) unerlässlich, lückenlos weiterzuimpfen. In Deutschland sind wir diesbezüglich nicht gut aufgestellt: Nach einer 2003 durchgeführten Befragung des EMNID-Institutes Bielefeld verfügen gut 90 Prozent der Erwachsenen nicht über einen belastbaren Polio-Impfschutz.
„Give me four“: Gemäß den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) sollte jeder Erwachsene über eine abgeschlossene Grundimmunisierung verfügen – das sind in der Regel drei Impfungen – und außerdem noch eine Auffrischimpfung bekommen haben. Ist dies der Fall, sind regelmäßige Wiederholungen nur erforderlich, wenn Fernreisen in Risikoregionen geplant sind. Wie wird geimpft? Falls keine anderen Impfungen anstehen, kann ein Einzelimpfstoff gespritzt werden, falls der Schutz gegen Tetanus, Diphtherie oder auch Keuchhusten erneuert werden muss, geht es einfach mittels Kombinationsimpfstoff. Wer seinen Impfausweis verloren hat, „hat Pech“, denn nur eine dokumentierte Impfung zählt. In diesem Fall heißt das, die Standardimpfungen gegen Tetanus, Diphtherie, Kinderlähmung oder auch Keuchhusten komplett nachzuholen.
Quellen:
www.polioeradication.org, Empfehlungen der STIKO 2009 im Epidemiologischen Bulletin Nr. 30/2009


