Während in Industrienationen der Bedarf an Hauptnährstoffen in der Schwangerschaft normalerweise gedeckt ist, mangelt es in vielen Fällen an bestimmten Mikronährstoffen. Im Bereich der Vitamine ist bei Folsäure, einem Vitamin der B-Gruppe, ein Defizit fast schon normal. Oftmals ist auch der Bedarf an den B-Vitaminen Thiamin, Riboflavin, Pyridoxin und Cobalamin nicht gedeckt. Auch sie sind elementar. Der Folsäure kommt bei der fetalen Entwicklung aber eine besondere Bedeutung zu. Indessen deuten Untersuchungen zur Versorgungslage drauf hin, dass die Zufuhrempfehlung für dieses Vitamin über die normale Nahrung im Allgemeinen nicht erreicht wird.1
Ein Mangel an diesem Mikronährstoff offenbart sich zuerst in den Zellsystemen mit hoher Teilungsrate: Bei der Blutbildung, in der Darmschleimhaut und im Urogenitaltrakt. Und in der Schwangerschaft, einer Zeit permanenter Zellteilung. Insbesondere während der ersten Embryonalwochen, bei der Entwicklung des kindlichen Rückens.
Quellen für natürliche Folsäure Folsäure ist ein „grünes Vitamin“. Es befindet sich in vielen pflanzlichen Lebensmitteln. In grünem Gemüse wie Spinat, Kohlarten und Gurken. Auch Tomaten enthalten nennenswerte Mengen, ebenso einige Früchte (Weintrauben, Orangen), Getreide (Weizenkeime, Vollkornbackwaren), Hülsenfrüchte (Sojabohnen) und Kartoffeln. Unter den tierischen Lebensmitteln sind Eier, Fleisch, Milch und einige Milchprodukte gute Quellen. Obwohl dies gängige Nahrungsmittel sind, ist der Bedarf an Folsäure damit schwer zu decken.
Folat ist nicht gleich Folsäure Es gibt verschiedene Folsäureverbindungen mit unterschiedlichen Eigenschaften. Einige Nahrungsfolate sind schwer resorbierbar, dabei licht- und hitzeempfindlich. Die Bioverfügbarkeit von synthetischer Folsäure ist deutlich höher.
Folsäureversorgung in Deutschland Die Folsäureversorgung in Deutschland liegt deutlich unterhalb den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung.2 Diese betragen für Jugendliche und Erwachsene 400 μg pro Tag, für Schwangere 600 μg pro Tag und für Säuglinge geschätzte 60 bis 80 μg pro Tag. Nach den Daten des Ernährungssurveys von 1998 beträgt die mittlere Zufuhr bei Männern 291 μg, bei Frauen sogar nur 246 μg pro Tag. Nur 16 Prozent der Männer erreichen das Soll, und nur 10 Prozent der Frauen.
Wären in Deutschland, wie in vielen anderen Ländern üblich, verschiedene Lebensmittel aus den Warengruppen Cerealien, Molkereiprodukte und Erfrischungsgetränke mit 150 μg Folsäure pro 100 g angereichert, würden über 90 Prozent der Bevölkerung die Zufuhrempfehlungen in Höhe von 400 μg Folat pro Tag erreichen. Aber selbst dann noch nicht die empfohlene Menge für Frauen in der Schwangerschaft.
Risiko Neuralrohrdefekt Ein geschlossenes Neuralrohr beim Fetus ist die Bedingung für eine normale Entwicklung der Wirbelsäule und des Nervensystems. Das Neuralrohr schließt sich in der vierten Embryonalwoche. Ist dieser Vorgang gestört, können Neuralrohrdefekte wie die Spina bifida (offener Rücken, Spaltwirbel) entstehen. Es gibt keine verlässlichen Zahlen über die Häufigkeit von Neuralrohrdefekten in Deutschland. Für viele Schwangere stellt die Prognose „offener Rücken“ einen Grund für einen Abbruch dar. Schätzungen in Sachsen gehen von 0,84 Promille, entsprechend etwa einem Fall auf 1.200 Lebendgeburten3 aus. Nur wenige dieser Kinder erreichen das zweite Lebensjahr.
Der Neuralrohrdefekt entsteht zum Beispiel durch einen Mangel an Folsäure im mütterlichen Organismus. Zwar ist dieser Mangel nicht die einzige mögliche Ursache. Auch genetische Faktoren spielen eine Rolle. Aber Studien konnten zeigen, dass Frauen, die ihre Nahrung mit Folsäure ergänzen, ein deutlich geringeres Risiko haben.
In Deutschland sind etwa die Hälfte aller Schwangerschaften ungeplant. Wenn diese Frauen ihre Umstände bemerken, ist das kritische Zeitfenster bereits geschlossen. Aber auch sie profitieren von einer weiteren Nahrungsergänzung bis in die Stillzeit.
Wenn die Frauen der anderen Hälfte – mit Kinderwunsch und geplanter Schwangerschaft – zu einer verbesserten Folatversorgung bereit wäre, d. h.
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Verzehr von folatreichen bzw. mit Folat angereicherten Lebensmitteln bereits vier Wochen vor der Konzeption, und / oder
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Einnahme eines geeigneten Multivitamin-/ Ergänzungspräparates,
dann könnte die Häufigkeit von Neuralrohrdefekten sicher deutlich reduziert werden.
Quellen: 1 Weißenborn A, Przyrembel H: Folsäureversorgung der deutschen Bevölkerung. Bundesinstitut für Risikobewertung, Berlin 2005 (BfR-Wissenschaft 01/2005) 2 DGE: Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr. DGE, ÖGE, SGE, SVE. 1. Auflage, Frankfurt, Umschau / Braus 2000 3 Fehlbildungsmonitoring Sachsen-Anhalt (2003): Jahresbericht des Bundeslandes Sachsen-Anhalt zur Häufigkeit von congenitalen Fehlbildungen und Anomalien sowie genetisch bedingten Erkrankungen 2002. Otto-von-Guericke-Universität, Magdeburg.


