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Jodmangel in Deutschland: zu früh für eine Entwarnung?


Deutsche Endokrinologen (Hormonspezialisten) diskutieren neue Entwicklungen in der Kropfvorbeugung und – behandlung auf der Jahrestagung der Sektion Angewandte Endokrinologie (Tagungsleiter: Prof. Johannes Hensen) in Hannover.

Jod ist ein essentielles Spurenelement, das für die Schilddrüsenhormonbildung erforderlich ist. Längerfristiger Jodmangel, wie er in Deutschland in der Nahrung vorherrscht, führt zur Kropfbildung. 20% aller 20jährigen und 50% aller Personen in der 5. Lebensdekade haben immer noch einen Kropf. 200.000 Kropfoperationen müssen pro Jahr in Deutschland durchgeführt werden, mit Kosten in Milliardenhöhe.

Jüngste regionale Untersuchungen zum Jodmangel und zur Kropfhäufigkeit in Würzburg, Rostock und Greifswald zeigen übereinstimmend eine deutliche Zunahme der Jodausscheidung der Bevölkerung (als Maß für die bessere Jodversorgung). So fanden Hampel und Mitarbeiter in Rostock 1999 bei 3065 gesunden 6 bis 12-jährigen Schulkindern eine mediane Jodausscheidung von 148 (g/l. 73% hatten keinen Jodmangel mehr (<100 (g/l), bei 20% war der Jodmangel mäßig (50-99 (g/l), bei 6% moderat (20-49 (g/l) und nur noch bei 1% schwerwiegend (<20 (g/l). 8% schieden sogar mehr als 300 (g Jod/l aus. Nach den Kriterien der Weltgesundheitsorganisation besteht jetzt kein Jodmangel mehr. Dies ist auf die nun weit verbreitete Verwendung von Jodsalz in Fertigspeisen, Backwaren und im Haushalt zurückzuführen. Darüber hinaus ist jetzt auch ein Rückgang der Häufigkeit vergrößerter Schilddrüsen bei Kindern und Jugendlichen zu beobachten. Sowohl im Würzburger Untersuchungsgut als auch bei den 7 bis 10-jährigen Kindern in Greifswald finden sich jetzt normale Schilddrüsenvolumina. Diese Kinder haben somit eine wesentlich bessere Ausgangssituation und profitieren voll von den jetzt greifenden prophylaktischen Maßnahmen in Deutschland.

In Österreich gelang bereits 1963 durch die Jodierung des Speisesalzes mit 10 mg Kaliumjodid/kg den Neugeborenenkropf weitgehend zu verhindern und ein Rückgang des juvenilen Kropfes von50% auf 2%. Durch Verdoppelung des Jodgehalts im Speisesalz auf 20 mg Kaliumjodid/kg 1990 kam es zu typischen Veränderungen des Spektrums der Schilddrüsenerkrankungen. Es kam zu einer Zunahme der Autonomiehyperthyreosen (Überfunktion durch Knotenkröpfe), aber auch der Immunhyperthyreosen (Fehlsteuerung des Immunsystems: Morbus Basedow). Bei den Autonomiehyperthyreosen kam es zum maximalen Anstieg um 50% innerhalb von zwei Jahren. Bei den Immunhyperthyreosen betrug der Anstieg innerhalb von drei Jahren 120% und 1995 noch 100% des Ausgangswertes vor 1990. In den Jahren 1994 bis 1999 kam es zu einer Verdoppelung von Immunthyreoiditiden (Schilddrüsenentzündungen durch Fehlsteuerung des Immunsystems). Die Auswirkungen der Erhöhung der Jodsalzprophylaxe in Österreich sind mit denen der Schweiz 1980 bis 1990 vergleichbar.

Jede Intensivierung einer Jodsalzprophylaxe bedarf daher einer Aufklärung der Ärzteschaft, dass es über einige Jahre zu einer Zunahme der Hyperthyreosen kommt und die Zahl der Immunthyreoiditiden (immunologisch bedingte Schilddrüsenentzündungen) und damit der Hypothyreosen (Unterfunktion) ansteigt. Der vermehrte Einsatz des TSH-Screenings im Gefolge einer erhöhten Jodierung des Speisesalzes ist daher erforderlich. Hiermit können frühzeitig Schilddrüsenfehlfunktionen entdeckt werden.

Das Bild der Schilddrüsenerkrankungen wird sich auch in Deutschland in den nächsten Jahren wandeln. Strumen bei Kindern und Jugendlichen werden seltener werden. Eine konsequente Verwendung von Jodsalz ist aber hierfür weiter wesentliche Voraussetzung.

Diese und andere neue Entwicklungen werden auf der Jahrestagungder Sektion Angewandte Endokrinologie in Hannover diskutiert.

Von Verena Rais, 25. Mai 2001;
Kategorie: Sonstige Meldungen
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