Als Reaktion auf Berichte in der Boulevardpresse und in einer TV-Sendung über das russische “Krebswundermittel” Galavit hat das Schweizer GERO-Forschungszentrum betroffene GERO-Förderer um Stellungnahme gebeten. Das Forschungszentrum ist der Sache daher einmal auf den Grund gegangen: Offensichtlich recht spektakulär aufgemacht wurde berichtet, das Präparat Galavit sei “in geheimen Labors” der früheren Sowjetunion im Rahmen der Weltraumforschung entwickelt worden. Allerdings nicht unbedingt als Krebs-, sondern eher als ein die Immunabwehr allgemein stimulierendes Medikament gegen Infektions- und Autoimmunkrankheiten, die insbesondere bei Kosmonauten auftreten, die sich wochen- und monatelang unter eingeschränkten Lebensbedingungen im Weltraum aufhalten müssen. Durch Galavit stimuliert, sei das aktivierte menschliche Immunsystem in der Lage, Krebswachstum zu stoppen und die Ausbildung von Metastasen zu verhindern. Galavit wird daher als “Immunmodulator” bezeichnet. Angeblich konnten bereits einige hundert krebskranke Kosmonauten und einige zehntausend russische Krebspatienten durch Galavit geheilt werden. In den Beiträgen vorgestellt bzw. zitiert wurden zudem deutsche Patienten, die mit Hilfe des russischen “Immunmodulators” angeblich von allen möglichen Krebsleiden geheilt wurden. Auf klinische Studien oder medizinisch irgendwie verifizierbare Wirksamkeitsnachweise wurde allerdings weder Bezug genommen noch wurden derartige Studien überhaupt benannt.
Undurchsichtige Hintergründe.
Nun kann es durchaus sein, das in dieser Hinsicht noch nicht getestete Arzneimittelzubereitungen oder andere Stoffe unter bestimmten Umständen Einfluß auf die Immunreaktionen haben und dadurch möglicherweise den Verlauf zu definierender Krebserkrankungen positiv beeinflussen können. Zahlreiche Forschungsgruppen beschäftigen sich weltweit mit dem Einfluß des Immunsystem auf Krebserkrankungen und haben in dieser Hinsicht auch bereits beachtliche Erfolge erzielen können. Eine das Immunsystem gegen alle Krebsformen zugleich stimulierende Substanz kann es jedoch schon aus pathologischen Gründen nicht geben. Die erwähnte Berichterstattung über Galavit disqualifiziert sich daher in gewisser Weise selbst.
Vor der Anwendung von Galavit abraten, ja sogar dringend warnen läßt uns jedoch eher der zwielichtige, unseriöse und undurchsichtige Hintergrund, vor dem das Präparat hierzulande vermarktet wird. So etwas darf nicht einfach hingenommen werden.
Verbrauchertäuschung.
Zunächst ist Galavit augenscheinlich kein Medikament im eigentlichen Sinne, sondern lediglich ein “medizinisch aufgemachtes” Gesundheitsprodukt, das von zwielichtigen Geschäftemachern hierzulande gezielt als “zugelassenes Arzneimittel” vermarktet wird um Patienten wie unkritische Journalisten damit zu beeindrucken. Wie früher auch in Deutschland, ist es in Rußland offensichtlich noch üblich Präparate, deren Anwendung eine eher allgemeine Verbesserung des Gesundheitszustandes (in diesem Fall des Immunsystems) zum Ziel hat, durch die Gesundheitsbehörden ohne besondere Wirkungsnachweise zu registrieren bzw. zum freien Verkauf zuzulassen Die arzneimittelrechtliche Registrierung von Galavit bedeutete daher nicht, dass der Substanz Amino-tetrahydrophtalozin-Natriumsalz, aus dem das Präparat im wesentlichen besteht, zugleich eine unmittelbare therapeutische Wirksamkeit gegen Krebs bescheinigt wird.
Weiterhin ist Amino-tetrahydrophtalozin-Natriumsalz keine “pharmazeutische Neuentwicklung”, wie in der Galavit-Werbung ständig behauptet wird, sondern entspricht chemisch dem in der mikrobiologischen Nachweisdiagnostik seit Jahrzehnten eingesetzten Färbemittel Luminol. Jeder Schüler kennt das: Mit Luminol behandelte Bakterien etc. leuchten unter dem Mikroskop auf und können dadurch besser erkannt bzw. nachgewiesen werden. Die Chemikalie ist preiswert in jeder beliebigen Menge auf dem Weltmarkt verfügbar und natürlich auch in Rußland einfach herzustellen bzw. in Ampullen abzufüllen. Eine unglaubliche Unverfrorenheit, im Zusammenhang mit Luminol von “sehr aufwendigen und geheimen Forschungen” zu sprechen. Auch in Rußland halten die Schulen Luminol schon immer im Chemielager parat. In Deutschland ist die Chemikalie zum Beispiel bereits für Schülerversuche im Biologie- oder Chemieunterricht ab Sekundarstufe 1 zugelassen
Höchste Vorsicht angebracht
Auf die Idee, die für nachweisdiagnostische Zwecke benötigte Billigchemikalie Luminol auch als Therapeutikum einzusetzen, ist in den westlichen Ländern noch niemand gekommen. Deshalb liegen hierzulande auch keine Studien über das Verhalten bzw. die Wirkung dieser Substanz im lebenden menschlichen Organismus vor. Das allerdings für Galavit, trotz eindringlicher Bemühungen, vom Hersteller des Präparates bisher keine einzige (!) medizinisch-wissenschaftlich verwertbare Wirksamkeitsstudie vorgelegt werden kann, kommt einem Offenbarungseid gleich. Auch wenn bei der immerhin bereits 1997 erfolgten Registrierung des Produktes derartige Studien möglicherweise noch nicht durchgeführt worden waren, müssten zumindest heute, nach nahezu vierjähriger Erfahrung mit Galavit, nachvollziehbare Behandlungsberichte aus anerkannten Kliniken bzw. von wissenschaftlich qualifizierten Ärzten vorliegen.
Obwohl laut Hersteller angeblich bislang rund “300 Kosmonauten sowie etwa 50.000 andere Krebskranke” erfolgreich mit Galavit behandelt worden sind und sich angeblich russische Mediziner, wie zum Beispiel ein gewisser Prof. Valeri I. Ulianiv, als “stellvertretender Ärztlicher Direktor des Regierungskrankenhauses im Kreml” bezeichnet, ausführlich mit dem Produkt beschäftigt haben, gibt es darüber keine Veröffentlichungen in russischen, geschweige denn in internationalen Fachmedien. Kein einziger Nachweis, ob die Krebsbehandlung mit Galavit überhaupt irgendeine Wirkung hat. Statt dessen werden vom Hersteller Medicor und den selbsternannten ärztlichen Galavit-Spezialisten hierzulande nur dunkle Andeutungen über “geheime Weltraumforschungen” wiederholt. Lächerlich, wenn es nicht um die Hoffnung auf Heilung ginge. Hier ist wirklich allerhöchste Vorsicht geboten. Unseriöser kann man wohl kaum dastehen.
Zwielichtige Geschäfte
Diesem Eindruck entspricht auch die Werbung, mit der sich zweifelhafte “Privatkliniken” bzw. nicht minder zweifelhafte Mediziner in Deutschland, Österreich und der Schweiz für eine Krebsbehandlung mit Galavit anpreisen. Da ist zunächst die in der Schweiz ansässige Firma Mission Pharma AG, Basteiplatz 5, CH-8022 Zürich, die auch im österreichischen Kitzbühel ein “Informationszentrum” unterhält (Anschrift: Rennfeld 13, A-6370 Kitzbühel). Mit dieser Firma verbunden ist unter anderem der selbsternannte “Ganzheitsmediziner” Dr. med. Thomas Kroiss, praktischer Arzt aus Wien und Autor mehrerer Bücher zur Naturheilkunde. Wir wollen Herrn Dr. Kroiss ein ärztliches Bemühen, hoffnungslos an Krebs Erkrankten mit Naturheilmitteln zu helfen, gewiss nicht absprechen. Seine Eigenwerbung für eine Galavitbehandlung: “Sehr empfehlenswert, auch wenn der Preis anfangs hoch erscheint.”, spricht angesichts der bis zu 56.000 Mark, die für die paar Injektionen bereits verlangt und bezahlt worden sind, jedoch nicht gerade für eine ausgeprägte Berufsethik. Im Gegenteil: Das ist Geldschneiderei übelster Art und Betrug an hilflosen, sich an jeden Strohhalm klammernde kranke Menschen obendrein. Denn Krankenkassen, gleichgültig ob private oder gesetzliche, übernehmen diese Kosten natürlich nicht.
Ebenfalls mit der Firma Mission Pharma AG verbandelt ist ein sogenannter “Arbeitskreis Krebs-Immun-Therapie”, der unter der hochtrabenden Bezeichnung “Europäisches Onkologie-Institut Bad Karlshafen für Immundiagnostik, Immuntherapie und Protonenbestrahlung”, firmiert und die Galavitbehandlung bei Krebs zu DM 16.800 anpreist. Auch dahinter stecken höchst umstrittene Mediziner wie zum Beispiel der “Krebsarzt” Dr. med. Nikolaus Klehr, gegen den die Staatsanwaltschaft in München bereits wegen Patientenbetruges und Körperverletzung ermittelt. Die hahnebüchen zusammengelogenen Informationen, die von diesem merkwürdigen “Institut” zu Galavit verbreitet werden, wollen wir unseren Lesern und Förderern ersparen. Aufschlußreich ist aber die Erklärung, warum die in diesem Fall aus 15 Injektionen bestehende Behandlung ausgerechnet 16.800 Mark kostet. Originalzitat: “In Deutschland beispielsweise sind darin die Kosten für 15 Ampullen GALAVIT(r) (= 4.500 US-Dollar = ca.9.000 Mark), alle ärztliche Nebenleistungen wie Aufklärung, individuelle Beratung und Indikationsstellung sowie Verabreichung des Medikaments und alle sonstigen Gebühren und Zuschläge (z.B. für den Transport sowie der 30 % Apothekenzuschlag = ca. DM 2.700,–) enthalten. Außerdem beinhaltet der Preis von 16.800 Mark hier auch bereits die gesetzlich vorgeschriebene Mehrwertsteuer (16 %), die rund 2.317 Mark beträgt.”.
Fall für den Staatsanwalt
Stimmt alles nicht. Natürlich kann man sich Galavit problemlos über jede internationale Apotheke in Deutschland besorgen. Der Preis dafür kann verhandelt werden und beläuft sich etwa auf 500 bis 600 Mark für eine Originalpackung mit 15 Ampullen und zwar einschließlich “Apothekenzuschlag”, Transportkosten und Steuern. Die empfohlene Anwendung, nämlich 15 simple Injektionen, kann im Zweifel von jedem Arzt oder Heilpraktiker durchgeführt werden (siehe Kasten). Eine Behandlung mit dem umstrittenen Präparat ist daher jederzeit für deutlich unter tausend Mark zu haben.
Die Bad Karlshafener “Krebsärzte” führen ihre Behandlungen übrigens in der dortigen “Privatklinik Carolinum” durch, deren Telefonnummer wiederum sowohl von der Firma Mission Pharma AG in Zürich als auch vom Arbeitskreis Krebs-Immun-Therpaie als “Galavit-Informations-Hotline” beworben wird. Angesichts dieses Beziehungsgeflechtes ist der Verdacht geradezu greifbar, das hier eine Clique gewissenloser Geschäftemacher planmässig dabei ist, sich an krebskranken Menschen zu bereichern. Unserer Meinung nach also zu recht ein Fall für den Staatsanwalt!
Gefährliche Experimente
Leider haben die Presseberichte über die immens hohen Preise, die für eine Galavit-Behandlung verlangt und von Todkranken bezahlt wurden dazu geführt, dass auch andere mehr oder weniger unseriöse Mediziner und Heilpraktiker eine Galavitbehandlung im Zusammenhang mit Krebs anbieten. Wir können unsere Förderer und Leser nur noch einmal warnen, sich darauf einzulassen. Im Zweifel machen Sie dadurch nur noch alles schlimmer. Wie dargestellt, ist ja nicht nur die Wirkung von Galavit nicht nachgewiesen. Auch krankheitsauslösende Faktoren, zusätzliche Langzeit-Nebenwirkungen bzw. die Frage, in welcher Konzentration die das Präparat ausmachende Chemikalie Luminol tödlich wirkt, sind nicht geklärt. Zum Beispiel ist bekannt, das Luminol schlecht wasserlöslich ist und von daher mit Sicherheit nicht, wie von den Galavit-Herstellern behauptet, ohne weiteres im Körper abgebaut bzw. “über die Nieren” wieder ausgeschieden werden kann. Im Gegenteil ist zu befürchten, dass die Substanz bald nach der Injektion kristallisiert und möglicherweise Nieren sowie andere Organe schädigt.
Zusatzinformationen :
Galavit (auch Galavitum) wurde durch den staatlichen Pharmazieausschuss der Russischen Förderation, Moskau, am 31.03.1997 als Injektionslösung registriert und als eine Art “frei verkäufliches Arzneimittel” zugelassen (Registrierungsnummer: 97/91/3). Basis ist das Patent_Nr.: RU2138264, eingereicht durch Tadhudinovich Musa Abidov, für den Wirkstoff 2-Amino-1,2,3,4-Tetrahydrophtalazin-1,4-Dion-Natriumsalz. Das Präparat ist nicht rezeptpflichtig und kann in russischen Apotheken von jedermann erworben werden. Packung: 15 Ampullen á 10 ml. Verlangt werden Preise von umgerechnet bis zu DM 20 / Ampulle bzw. bis zu ca. DM 350 / Packung. Hersteller ist die Firma Medicor, 121374 Moskau, A. Sviridova Str. 15, b.3.
Laut Beipackzettel stimuliert Galavit das Immunsystem. Klinische Anwendungsgebiete: Akute Infektionskrankheiten (Darminfektionen, Hepatitis, Wundrose, eitrige Meningitis, Erkrankungen des urogenitalen Bereiches etc.), chronische Entzündungen, Autoimmunkrankheiten (u.a. Rheuma, Morbus Crohn). Zudem ist Galavit bei einer Chemo- oder Strahlentherapie als Begleittherapie angezeigt. Anwendungsempfehlung: 5 x alle 2 Tage eine Injektion, danach bis zu 20 x alle 3 Tage eine Injektion.
Weitere Informationen erhalten Sie von der gemeinnützigen Wissenschaft-Stiftung direkt: GERO Forschungszentrum, Bahnhofstr. 6, CH-8280 Kreuzlingen, Tel. +41 (71) 6775077, Fax +41 (71) 6775070, eMail: info@gero.org, Internet: www.gero.org
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